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tintenfischalarm

ELISABETH SCHARANG   ALEX JÜRGEN   BIOGRAPHIE ELISABETH

Elisabeth Scharang über ihre Begegnung mit Alex Jürgen

Wir treffen uns zum ersten Mal im Oktober 2002 an einem Freitagnachmittag in einem Cafe in der Nähe des Funkhauses in Wien.
Alex ist groß gewachsen, ihre Haare sind kurz geschoren. Meine Augen wandern immer wieder fasziniert über ihr Gesicht, von dem ich nicht mit Bestimmtheit sagen könnte, ob es zu einem Frauen- oder Männerkörper gehört. Ich habe Alex als Frau kennen gelernt. Seit Februar 2004 lebt Alex offiziell als Mann – korrekt gesagt: als männlicher Scheinzwitter; und deshalb werde ich ab hier von DEM Alex weitererzählen. Ich wusste bis zu unserem ersten Treffen wenig über Hermaphroditen. Ich dachte, dass Zwitter als Laune der Natur so selten vorkommen wie Siamesische Zwilling; tatsächlich kommt eines von 2.000 Babys als Zwitter auf die Welt.

Alex und ich entscheiden uns für einen geraden Zugang zueinander, ohne Schnörksel. Klare Fragen und klare Antworten. Ohne Umschweife legt er die Fakten auf den Tisch, die eine Stunde später Thema einer Radiosendung werden. Ich bin erstaunt, schockiert und kann die Hintergründe seiner Geschichte vorerst nicht begreifen. Warum unterzieht man Kinder schweren Operationen, um ein eindeutiges Geschlecht herzustellen? Was wäre das Problem, mit dieser Uneindeutigkeit aufzuwachsen? Wenn man die Antwort auf diese Frage weiterverfolgt, steht man mitten in einer Diskussion über die Probleme unserer Gesellschaft, über Rollenbilder, Machtverhältnisse und Sexualität. Die eigene zementierte Wahrnehmung, es gebe zwei Geschlechter, männlich und weiblich, wackelt.

Alex und ich verbringen an diesem Abend eineinhalb Stunden in einem Radiostudio. Er erzählt das erste Mal ausführlich seine Geschichte. Das Bedürfnis, das Thema Intersexualität öffentlich zu diskutieren, ist unübersehbar.
Alex formuliert klar und präzise, als hätte er schon oft vor einem Mikrophon gesessen und in seiner Sache gesprochen. Die positiven Reaktionen der AnruferInnen während der Sendung bestärken ihn, aus seiner Isolation herauszutreten.

In den folgenden zwei Wochen beginne ich, mich intensiv in das Thema Intersexualität einzulesen.
Warum weiß man so wenig über Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht? Warum wird eine öffentliche Diskussion über dieses Thema so peinlich genau vermieden? Warum gibt es keine einzige Selbsthilfegruppe in Österreich für Eltern und Betroffene? Warum bekommen Eltern von neugeborenen Intersexuellen keinen psychologischen Beistand, wenn es um die Entscheidung geht, ob ihr Kind als Mädchen oder Bub aufwachsen oder ob man dem Kind die Operationen ersparen und der natürlichen Entwicklung seinen Lauf lassen soll? Schließlich sind diese Kinder nicht krank, sie sind nur anders als die meisten anderen. In anderen Kulturen wird ihnen dafür besondere Wertschätzung entgegen gebracht.

Im November 2002 beschließen Alex und ich ein gemeinsames Filmprojekt.

Der Wunsch, nach Jahren der Selbstverleugnung, einen Neuanfang zu starten und sich eine Perspektive für ein Leben aufzubauen, in dem man sich mit seiner Biografie nicht zu verstecken braucht, sind für Alex ein enormer Antrieb, diesen Film zu machen. Zudem hat er das Herz eines Aktivisten. Es gibt nur wenige, die den Mut haben, für die Aufklärung über Minderheitenthemen ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Bei Alex` nächstem Besuch in Wien, im Dezember 2002, wohnt er für zwei Tage in meiner Wohnung. Wir beginnen das erste Mal zu filmen, mit meiner eigenen Videokamera. Meine Wohnung wird für die folgenden drei Jahre zum Ort unseres regelmäßigen Beisammenseins. Alex beginnt sich selbst zu filmen, wenn er alleine in der Wohnung ist; es entsteht eine Art Videotagebuch, das er vorerst schüchtern, aber doch präzise führt.

Aus dem gegenseitigen Interesse füreinander entwickeln sich im Lauf der Wochen Vertrautheit und Anflüge von Freundschaft. Die Gespräche vor der Kamera verlieren ihre Einseitigkeit und ich verlasse meine Position der Fragestellerin. Wir reden über die schwierige Suche nach der Liebe, über Selbstakzeptanz und die ersten Annäherungsversuche von Burschen als wir 12, 13 Jahre alt waren. Wir lachen gemeinsam über die unterschiedliche Wahrnehmung von Männern und Frauen beim Sex und wir weinen über Trennungsschmerzen. Während dieser ersten Gespräche entsteht übrigens der Titel zu diesem Film:
Alex erzählt von den ersten Annäherungsversuchen der Jungs als er (damals noch als Mädchen) 12 Jahre alt war. Er hatte Panik, dass die suchenden und forschenden Hände der Buben, die sich ihrem/seinem Körper näherten, das Geheimnis zwischen seinen Beinen lüften könnten. Die Fangarme, die es abzuwehren galt, waren mit einem Begriff verbunden: Tintenfischalarm!

Dazwischen tauchen immer wieder Alex` Erinnerungen an Besuche in diversen Spitälern auf, wo Ärzte und Studenten vor ihm standen und ihm zwischen die gespreizten Beine gestarrt haben, als wäre er kein Kind sondern ein seltenes Forschungsobjekt. Dieses Bild hat sich unauslöschlich in Alex` Hirn gebrannt. Aber trotz der schmerzhaften Erinnerungen und der vergangenen Geschichten, geht es um das Jetzt, um eine Positionierung, eine Formung der eigenen Identität. Und so waren wir auch für unsere Beziehung und für diesen Film auf der Suche nach einer Form.

Die Entscheidung, die Kamera zeitweise führungslos zu lassen und mich gemeinsam mit Alex vor das Kameraauge zu stellen, entstand während der ersten drei Drehwochen. Für mich bedeutet dieses Filmprojekt einen Grenzgang: Vor und hinter der Kamera zu agieren und die Rolle der Regisseurin im klassischen Sinne während dieser Dreharbeiten aufzugeben, hat die gegenseitige Involvierung in unser Leben möglich gemacht. Das ist anstrengend, aber lohnend – für Alex und für mich.

Im März 2003 machen wir unsere erste Reise. Wir fahren gemeinsam mit meinem besten Freund Norbert, der als Tonmeister für uns gearbeitet hat und einem befreundeten Kameramann auf eine Insel im holländischen Wattenmeer – nach Ameland.
Alex und ich waren bisher immer alleine gewesen bei unseren Treffen und Dreharbeiten. Und er war zu beginn skeptisch, dass die beiden Männer die Nähe stören könnten, die wir für unsere Gespräche brauchen. Aber es haben sich aus dieser Reise neue Freundschaften entwickelt und die Jungs hielten entsprechend Abstand, wenn wir uns mit der Kamera zu zweit zurückgezogen haben.

Die kleine Insel Ameland mit den weiten Stränden und dem verwehten Meer war für mich einer der schönsten und traurigsten Orte, die ich je gesehen habe. „Diesen Anblick mit niemandem teilen zu können, den man liebt, ist fast unerträglich“, hat Alex zu mir gesagt, als wir eingepackt in dicke Jacken im Dünensand saßen und lange Zeit den Wolken zugeschaut haben, die sich gegenseitig jagten. Ich denke, dass diese besonderen Momente damals nur entstehen konnten, weil ich selbst in einer schweren Krise war. Ich hatte gerade eine lange Beziehung beendet und wusste, dass ich grundlegende Haltungen ändern wollte. Einen Monat später starb mein Bruder Andreas. Dieser tiefe Schmerz hat mich geerdet.
Ich hatte nie Mitleid mit Alex. Wir hatten viele Auseinandersetzungen und Debatten, weil ich mit dem Bild des armen Alex nichts anfangen konnte. Für mich ist er eine unglaublich starke Person mit großem Durchhaltevermögen; und außerdem faul und lahmarschig und beleidigt, wenn man seine Bedürfnisse und Wünsche nicht erschnüffeln kann. Es war manchmal belastend, wenn ich das Gefühl hatte, für Alex` Wohlbefinden zuständig zu sein. Und zudem die finanziellen und existenziellen Sorgen. Alex hat kurz vor dem Film gekündigt; ein Job in der Behindertenbetreuung, der körperlich und emotional zu anstrengend wurde. Während der Dreharbeiten war Alex bei der Wega-Film angestellt; er hatte dadurch eine Art Auszeit und viel (manchmal zuviel) Zeit, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Aber die Frage: Was wird nach dem Film? schwebte über uns.

Als Alex im Frühjahr 2004 endgültig die Entscheidung trifft, als Mann leben zu wollen, gibt das unserer Beziehung und dem Film eine völlig neue Perspektive und viele neue Fragestellungen. Alex ist meine Freundin. Zwar mit großen Händen und derbem Humor, aber dennoch eine tendenziell weibliche Person. Es beginnt die Zeit der Selbstbeobachtung, ein Echtzeitexperiment: Die Auswirkungen der männlichen Hormone, die Alex in Form einer Creme zu sich nimmt, werden von uns genau studiert.

Ich habe das Gefühl, einem Mann beim Wachsen zuzusehen! Seine erotische Träume und Phantasien, bisher unbekannte Energie und Antrieb erstaunen mich in diesem Sommer immer wieder. Um die Verwandlung zu unterstützen, kommt das eine oder andere männliche Gehabe dazu ins Paket. Alex wird zum Kumpel.
Im Juni 2004 hebt unser Flugzeug ab nach San Francisco. Es ist die letzte Reise im Zuge des Films. Eine Art Abschied.

Alex ist während unseres USA-Aufenthaltes nicht gut auf mich zu sprechen. Es fehlen die üblichen Zweierkonferenzen, die wir immer abgehalten haben, unsere sehr persönlichen Gespräche mit und ohne Kamera. Ich ziehe mich zumeist hinter die Kamera zurück und lasse Alex agieren. Wir treffen Max und Stafford, beide transsexuell, beide beeindruckende Persönlichkeiten, die Alex sofort ins Herz geschlossen hat. Das Comunity-Gefühl ist letzter Ausschlag für die großen Veränderungen, die nach San Francisco auf Alex zukommen: die Amputation der von ihm gehassten Brüste und der Umzug nach Wien in eine kleine Wohnung in meiner Nachbarschaft.
Ich bin mir bis heute sicher, dass diese Ablösungsphase damals wichtig war und die einzige Möglichkeit, dass wir heute Freunde sind.

Alex hat im Herbst 2004 das letzte Mal die Kamera in die Hand genommen. Danach war klar, dass er sie nicht mehr braucht. Alex ist während der Dreharbeiten zum Profi geworden. Und ich habe mich immer sehr auf das Filmmaterial gefreut, das er alleine gedreht hat. Im Herbst 2004 hat Alex begonnen, bei der Kinderkrebshilfe in Wien zu arbeiten und in ein “normales“ Leben zurückzukehren. Er hat eine Psychotherapie begonnen, die von der Krankenkasse nicht in dem Ausmaß bezahlt wird, wie nötig; mit dem Argument, dass Intersexualität in der Liste der Krankenkasse nicht aufscheint.

Alex` Eltern habe ich übrigens bis heute nicht kennen gelernt. Stimmt nicht. Seine Mutter habe ich nach der Brust-OP kurz gesehen. Es ist die richtige Entscheidung von Alex gewesen, seine Eltern nicht zu involvieren. Wir hätten eine Schuldzuweisung Seitens des Publikums nicht verhindern können, und das wollten wir beide nicht. Auch wenn die Familie nach wie vor ein wunder Punkt in der Geschichte ist. Viel Unausgesprochenes liegt in der Luft, manchmal Aggression und Wut, manchmal der Wunsch, die Eltern um jeden Preis in Schutz zu nehmen und die Anklage, dass man sie zu einem Mädchen umoperiert hat, ausschließlich den Ärzten entgegen zu schleudern.

Über drei Jahre ist es her, dass ich Alex begegnet bin. Wir haben beide ein ziemliches Stück Weg gemeinsam zurückgelegt, deshalb ist der Film für uns beide ein Bestandteil unseres Lebens geworden. Als Alex den Film zum ersten Mal in fertigem Zustand gesehen hat, war er zufrieden. Die angekündigten Diskussionen über unliebsame Stellen, die herausgeschnitten werden müssten, sind ausgeblieben.

Ein Film kann auf Dauer kein Leben verändern. Aber durch einen Film kann man seine Existenz manifestieren und sich einmischen.

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